06.02.2019

„Send - Encrypt - Destruct“ - Die TopTen-Messenger App Telegram

Zwischen maximaler Nutzerfreiheit und staatlicher Beobachtung

Im März 2019 soll es soweit sein – „a new way of exchanging data“ verspricht der angesetzte Launch des Blockchain basierten Telegram Open Network. In einem eigens hierfür gestarteten private ICO Funding konnten 2018 in zwei Runden bereits 1,7 Mrd. USD durch den Tokenverkauf eingenommen werden. Dass die ohnehin mit End-to-End Encryption und Secret Chats aufwartende Instant Messenger App von Telegram noch zu verbessern ist, erscheint kaum vorstellbar. Welche Features die Platzierung von Telegram unter den TopTen der Messenger Apps rechtfertigen und ob ein Umstieg von z.B. WhatsApp Sinn machen könnte, betrachten wir in unserem Telegram Secret Chat.

Telegram – Wer steckt dahinter?

Telegram - das sind vor allem CEO Pavel & Nikolai Durov. Während Pavel die finanziellen und operativen Belange bei Telegram verantwortet, kümmert sich Nikolai als Protokollentwickler um die technischen Komponenten. Nach einer Niederlassungs-Odyssee von ursprünglich St. Petersburg via Berlin, London und Singapur, ist das Telegram Entwicklerteam aktuell am Standort Dubai ansässig. Eine auf der Website als „generous Donation“ bezeichnete Einlage von Pavel Durov nebst genannter 1,7 Mrd. USD ICO-Einnahmen erklären die Finanzlage der zu 100 Prozent kostenfreien App.

Telegram – Wie funktioniert´s?

Telegram ist ein cloudbasierter Instant Messenger, der die synchron über mehrere Devices ablaufende Kommunikation zwischen Telegram Nutzern ermöglicht. Nachrichten, Photos, Videos oder Dokumente als doc, zip, mp3 etc. werden dabei unterstützt. Es können intern Gruppen mit bis zu 200.000 Mitgliedern gebildet werden. Innerhalb sogenannter Channels ist die Audience der geposteten Inhalte sogar unbegrenzt. Nachrichten, als auch Voice Calls unterliegen einer End-zu-End-Verschlüsselung. Die üblichen Gimmicks wie Emojis, Gif-Search oder Photo-Editoren sind allesamt ebenfalls abrufbar. Telegram ist Open Source  jederzeit einsehbar und via Telegram- oder Bot-API können eigene Entwickler-Ideen umgesetzt werden. Das wohl wichtigste Nutzerfeature in Abgrenzung zur Anbieterkonkurrenz und gleichsames Ärgernis staatlicher Kontrollbehörden ist der Telegram Secret Chat mit seiner "Self-Destructing-Messages"-Funktion. 

Die Förderung illegaler Aktivitäten bis hin zu Geldwäsche wurden Telegram-CEO Pavel Durov bereits unterstellt. Dieser hat indes ein ausgeklügeltes System entwickelt, um Telegram-Nutzerdaten maximal abzusichern und scheut auch nicht davor staatliche Reglementierer mit ihren eigenen Waffen zu schlagen

Was ist der Unterschied zwischen Telegram Open Chats und Secret Chats?

Telegram Open Chats unterliegen einer Server-Client basierten Verschlüsselung, da Telegram diese Daten in Telegram Cloud Chats aufbewahrt, um den synchronen Zugriff seiner Nutzer auf unterschiedlichen Devices jederzeit zu gewährleisten.

Telegram Secret Chats unterliegen einer Client-to-Client-Verschlüsselung. Weder Telegram noch irgendwelche Dritte können diese Kommunikationsverläufe einsehen. Übliche Archivierungsmodi wurden von Telegram durch die Möglichkeit einer Self-Destructing-Funktion für beide Gesprächsteilnehmer im Sinne einer synchronen Löschung der jeweiligen Verläufe elegant zu Ende gedacht. Ein Weiterleiten von Secret Chat-Nachrichten ist nicht möglich.

Wie funktioniert die Telegram Verschlüsselung? Können meine Daten von Dritten abgerufen werden?

Telegram Logo

Immer wieder musste Pavel Durov den Unmut staatlicher Behörden spüren. Im einstigen Heimatland Russland sprach man zuletzt im April 2018 ein Telegram-Verbot aus. Selbst protestierende Russen mit tausenden in die Luft steigenden Telegram-Papierfliegern konnten dagegen nichts ausrichten. In der Folge begannen die Behörden mit einer Reihe von IP-Adress-Blockaden. Bis zum heutigen Tag liefern sich Durov auf der einen und der FSB auf der anderen Seite eine digitale Schnitzeljagd – dazwischen Google, Amazon und zahllose Geprellte.

Fest steht, dass gemäß seiner Policies und international geltendem Recht, Telegram Hinweisen auf mögliche illegale Aktivitäten nach Kontaktaufnahme unter abuse@telegram.org nachgeht. Dabei schützt es nach eigener Aussage seine Nutzer aber nachhaltig gegen Oppression, denn „while we do block terrorist (e.g. ISIS-related) bots and channels, we will not block anybody who peacefully expresses alternative opinions.“

Damit unterstreichen die Telegram-Initiatoren ihre friedfertigen Absichten und distanzieren sich von Äußerungen z.b. des Iran-Regimes, das ebenfalls nach entsprechendem Bann der App im Mai 2018 deren Entwickler als „encouraging hateful conduct, use of Molotov cocktails, armed uprisings and social unrest.“ bezeichnete.

Die „ganz normale“ Nutzergruppe ist bei Telegram auch jenseits der Secret Chats ausgeklügelt abgesichert. Die Daten der Cloud Chats werden weltweit verteilt in Datencentern aufbewahrt, die unterschiedlichen Gerichtsbarkeiten unterstehen. Auch die Decryption Keys wurden gesplittet und werden weltweit verteilt gesichert. Nur wenn mehrere offizielle Stellen über einen möglicherweise illegalen Tatbestand übereinkommen, kann Telegram genötigt werden, Daten preiszugeben. Und das auch nur dann „when an issue is grave and universal enough to pass the scrutiny of several different legal systems around the world.“

Was Telegram nicht preisgeben wollte bis dato, das konnte auch nicht gehacked werden. Entsprechende Challenges stellen die Entwickler jedoch immer wieder als lukrativen Aufruf an die Community.

Telegram vs. WhatsApp – Welche App passt zu mir?

Telegram reiht sich aktuell unter die TopTen der Messenger Dienste. Zwar noch mit vergleichsweise bescheidenem Nutzervolumen im Hinblick auf Spitzenreiter WhatsApp. Möglicherweise sind die jüngsten Konsolidierungspläne von Mark Zuckerberg dem einen oder anderen nach Privacy/Secrecy Suchenden jedoch Anlass genug den Telegram Chat einmal zu testen. End-zu-End-Verschlüsselung bieten zwar Beide und WhatsApp ist aktuell am Markt immer noch der weitaus frequentiertere Anbieter. Mit wirklicher Topsecret-Funktion hat man bei Telegram hinsichtlich Datensicherheit jedoch die Nase vorn und kann sich somit in Zukunft eventuell noch breitere Marktanteile sichern.

Über den Autor

Kathleen Händel

Kathleen Händel

Die studierte Kulturwissenschaftlerin arbeitet seit ihrem Master als Redakteur u.a. in den Bereichen Tourismus, für verschiedene Stiftungen und Kommunikationsagenturen. Die Themen responsible tourism, innovative Entwicklungskonzepte und eine nachhaltige economy 4.0 bildeten ihre bisherigen redaktionellen Schwerpunkte. Im unternehmenswelt.de Team schreibt sie seit 2018 u.a. über die digitale Evolution durch Bitcoin, Blockchain und deren gesellschaftliche Bedeutungen. Seit 2019 verantwortet Kathleen Händel den Content-Bereich auf unternehmenswelt.de.

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