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2012 und 2013 - Ein Rückblick und Ausblick für Gründer-Deutschland

In 2012 gab es im Vergleich zum Vorjahr mindestens 120.000 weniger Menschen, welche den (geförderten) Schritt in die Selbstständigkeit gegangen sind. Da Deutschland mit nur 11,5% Selbstständigenquote bereits 4 Prozent hinter dem europäischen Schnitt von 16,5% liegt, dürfte der Rückstand für 2012 betrachtet gravierend sein, zumal andere europäische Volkswirtschaften aufgrund ihrer aktuellen Arbeitsmarktprobleme.

In 2012 gab es im Vergleich zum Vorjahr mindestens 120.000 weniger Menschen, welche den (geförderten) Schritt in die Selbstständigkeit gegangen sind. Da Deutschland mit nur 11,5% Selbstständigenquote bereits 4 Prozent hinter dem europäischen Schnitt von 16,5% liegt, dürfte der Rückstand für 2012 betrachtet gravierend sein, zumal andere europäische Volkswirtschaften aufgrund ihrer aktuellen Arbeitsmarktprobleme (Spanien, Griechenland u. ä.) sicherlich einen deutlichen Anstieg der Selbstständigenquote zu verzeichnen haben.

Doch warum überhaupt eine Existenzgründung fördern, benötigt eine Volkswirtschaft Gründer um langfristig den Wohlstand seiner Bevölkerung sicherzustellen, oder kosten Gründer und gründungsfördernde Maßnahmen den Staat nur Geld? Zumal es seit Jahren mehr Solo-Selbstständige gibt als Selbstständige mit Mitarbeitern, weshalb bereits viele konservative Wirtschaftspolitiker beklagen, dass Gründer keine Arbeitsplätze (mehr) schaffen.

Seit 30 Jahren nimmt die Zahl der Selbstständigen in Deutschland kontinuierlich zu, die letzten 10 Jahre insbesondere die Zahl der Solo-Selbstständigen. Ursache dafür ist der Strukturwandel hin zur wissensbasierten Dienstleistungsgesellschaft, welcher es ermöglicht, dass Wertschöpfungsprozesse, welche früher nur von Unternehmen mit Mitarbeitern ausgeführt werden konnten, nun von Einzelpersonen i. d. R. mit Hilfe moderner Kommunikationstechnologien ausgeführt werden.

Deutschland hat es die letzten 10 Jahre immer irgendwie hinbekommen, diesen Strukturwandel durch diverse Fördermaßnahmen zu begleiten. Durch Fördermaßnahmen wie Überbrückungsgeld, Ich-AG, Gründungszuschuss oder Einstiegsgeld wurden Menschen finanziell motiviert, den Schritt aus dem Angestelltenverhältnis oder aus der Arbeitslosigkeit hinein in eine selbstständige Tätigkeit zu gehen. Dabei kann man nicht von "Kümmerexistenzen" o. ä. sprechen, denn das Nettoeinkommen beträgt knapp fünf Jahre nach der Gründung durchschnittlich ca. 2.500 Euro bei Selbständigen mit Mitarbeitern und ca. 1.900 Euro bei Solo-Selbständigen.

In 2012 ist das Gründungsgeschehen nun aber praktisch zum Stillstand gekommen. Mit dem Gründungszuschuss wurden dieses Jahr ca. 20.000 Gründungen gefördert, während es in 2011 noch ca. 140.000 Gründungen waren. Dabei ist der Gründungszuschuss ein nachweislich sehr effektives Instrument, um oben erwähnten Umstrukturierungsprozess der Volkswirtschaft zu fördern. Und es ist ein Intrument was für den Staat sogut wie keine Mehrausgaben verursacht, da es im Wesentlichen anstatt eines ALG1 Bezuges gezahlt wird.

Was ist in 2012 passiert, was hat diesen Rückgang verursacht? Erstens hatten wir in 2012 eine relativ niedrige Arbeitslosenquote, d. h. ein sicherer und gut- bzw. gleichbezahlter Angestelltenjob war für die Menschen entsprechend attraktiver als das finanzielle Risiko einer selbstständigen Tätigkeit. Zweitens wurde die Vergabe des Gründungszuschuss vor 12 Monaten zu einer Kannbestimmung und in der Praxis zu einer individuellen Entscheidung des jeweiligen Sachbearbeiters der Agentur für Arbeit. Dieser wiederum hatte entsprechend Einsparvorgaben der Agentur für Arbeit zu erfüllen.

So wurde die Agentur für Arbeit als ausübende Institution innerhalb der Volkswirtschaft in der Praxis zum Totengräber der Gründungsmotivation. Fast jeder interessierte neue Selbstständige wurde bereits von der Antragstellung abgehalten, mit Aussagen wie "Sie erhalten sowieso keinen Zuschuss, suchen Sie sich einen neuen Job", obwohl ein Rechtsanspruch auf die Antragstellung existiert, und der Großteil der gestellten Anträge wurde abgelehnt oder konnte nur mit einem Widerspruch und juristischer Hilfe zur Bewilligung geführt werden.

Es bleibt zu hoffen, dass sich das schnell ändert und Deutschland in 2013 nicht ein weiteres Jahr im Umstrukturierungsprozess verliert. Es geht in Deutschland nicht darum, Jobs aus einem anderen Industriezeitalter (bspw. in der Autoindustrie) mit Subventionen zu erhalten, oder andere Volkswirtschaften bei ihrem Umstrukturierungsprozess zu unterstützen (bspw. Griechenland), sondern Ziel muss es sein, zukunftsfähige Wirtschaftsstrukturen in Deutschland zu schaffen. Und zukünftsfähige Strukturen bedeutet bspw. die Gründung möglichst vieler kleiner Unternehmen zu fördern.

Schauen wir optimistisch in die Zukunft und die Trends, welche sich für 2013 abzeichnen. Am 19. November diesen Jahres war unternehmenswelt.de auf einer Fachtagung beim Bundesministerium für Wirtschaft vertreten und hat sich mit ca. 100 Experten aus der deutschen Gründungslandschaft über die Zukunft der Gründungsförderung ausgetauscht. Dabei wurden 4 wesentliche Trends herausgearbeitet, welche wir hier kurz vorstellen möchten, weil wir denken, dass diese in der Zukunft eine wesentliche Rolle im Gründungsgeschehen spielen werden.

Crowdfunding - die neue Finanzierungsform
In 2012 hat in Deutschland mit Crowdfunding eine neue Finanzierungsform für Gründer Einzug gehalten. Neben Seedmatch, der aktuell erfolgreichsten deutschen Plattform, gibt es noch viele weitere Plattformen, welche versuchen eine Startupfinanzierung auf Basis vieler kleiner Mikrozahlungen zu realisieren. Crowdfunding an sich ist nicht neu und es sind 4 Arten des Crowdfundings bekannt. Ein Crowdfunding kann auf Basis von Anteilsvergabe, Spendenbasis, durch Vergabe von Gegenleistungen in Form von Produkten und Dienstleistungen oder auch durch Vergabe von Darlehen erfolgen. Alle 4 Arten sind mehr oder weniger bereits im Markt vorhanden. Die spannende Frage für die Gründungsförderung lautet natürlich, ob es zukünftig überhaupt noch notwendig ist, Gründer finanziell mit staatlichen Mitteln zu fördern, wenn der Geldfluss auch direkt zwischen Geldgeber und Gründer/Unternehmen erfolgen kann. Auch die Rolle der Banken wird hier neu definiert werden. Eventuell werden wir schon in naher Zukunft einen Mix von Crowdfunding, Banken und staatlicher Förderung sehen.

Partnering - Fachwissen toppt Faktenwissen
Eigentlich eine alte Weisheit, die sich nun aber langsam durchsetzt. Die reine Wissensvermittlung ist im digitalen Zeitalter deutlich weniger wichtig als echte Einblicke in die Gründungspraxis. Angebote für Gründer, bspw. geförderte Gründungsberatungen oder Gründerseminare, müssen zukünftig deutlich praxisnaher ausgelegt sein, d. h. im Wesentlichen auch von Praktikern durchgeführt werden. Es ist für einen Gründer nicht hilfreich, wenn er von einem angestellten Theoretiker einer öffentlichen Institution erklärt bekommt, wie eine Gründung abläuft und was man dabei alles richtig und vor allem auch falsch machen kann. In den letzten Jahren wurden in vielen Programmen sogenannte Mentoren eingeführt, was schon ein guter Ansatz ist. Aber der Trend selbst geht noch einen Schritt weiter und spricht von Partnering bzw. Partnern, welche auf Augenhöhe mit dem Gründer agieren und ihm im Gründungsprozess behilflich sind.

Dienstleistungen für Gründer im Internet
Für immer mehr Gründer sind nicht mehr die öffentlichen Insitutionen und Kammern die erste Anlaufstelle, wenn es um den Schritt in die Selbstständigkeit geht, sondern diverse Angebote im Internet. Die Institutionen kommen oft nur ins Spiel, weil diese die Fördergelder verwalten, und die Kammern kommen meist nur ins Spiel weil dies die Pflichtmitgliedschaft (bisher) unumgänglich macht. Als Anlaufstelle Nr. 1 der "neuen Generation" von Gründungsangeboten kann unsere Plattform unternehmenswelt.de genannt werden, welche innerhalb der letzten 4 Jahre über 100.000 Gründungsinteressierte betreuen konnte. Was hier im BMWI als Trend erkannt wurde, das Gründer bspw. ihre Businessplan Erstversion direkt im Internet erstellen, ist für uns längst kein Trend mehr, sondern seit Jahren gelebte Praxis.

Industrialisierung von Startups
Mittlerweile werden nicht nur Autos am Fließband hergestellt, sondern auch Startups. Warum das Rad immer neu erfinden, wenn die Prozesse sehr ähnlich sind und man durch eine Arbeitsteilung bessere Ergebnisse erzielen kann. Im "normalen" Gründungsmarkt ist dieser Trend noch nicht präsent, aber insbesondere bei Internet-Startups sind Acceleratoren, Inkubatoren und Company Builder schon weitverbreitet. Unternehmen wir Rocket Internet haben sich darauf spezialiert, mit sich wiederholenden Workflows unterschiedliche Geschäftsmodelle im Markt einzuführen bzw. i. d. R. zu kopieren und dann standardisiert umzusetzen. Natürlich gab es auch bisher schon öffentlich geförderte Gründerzentren, fast jede mittelgroße Stadt kann auf so einen Bau verweisen und oft nennen sich diese auch Inkubatoren, aber die Bündelung, Standardisierung und fließbandartige Umsetzung von Praxiswissen konnte von diesen bisher nur ansatzweise realisiert werden. Wir werden hier in Zukunft eine neue Art von Gründer- und Unternehmerzentren erleben, welche einem Gründer mit einem Mix aus Online- und Offlineangeboten behilflich sind.

Das Team von unternehmenswelt.de wünscht seinen mittlerweile 300.000 Mitgliedern und allen gründungsinteressierten Lesern ein gesundes und erfolgreiches 2013!

Über den Autor
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René Wendler

René Wendler wurde 1975 geboren, ist in Ostdeutschland aufgewachsen, studierte in Leipzig und machte sich direkt im Anschluss mit der Betreuung von Gründern selbstständig. Von 2002 bis 2007 betreute er gemeinsam mit André Wittig ca. 750 Gründer persönlich und seit 2008 weitere 100.000 Gründer mit seinem Team, über die Onlineangebote der Zandura GmbH, zu denen insbesondere auch unternehmenswelt.de gehört.